Die ersten Pferde, die Kateryna zeichnet, lassen sich nicht streicheln und nicht reiten. Sie existieren nur auf alten Postkarten oder in vergilbten Magazinen. Als sie im südukrainischen Mykolajiw auf die Welt kommt, ist ihre Heimat noch eine Sozialistische Sowjetrepublik. 1991 zerfällt das vertraute System. Was folgt, ist eine Zeit der Unsicherheit. Die Idee vom unbesiegbaren Sozialismus hatte vielen Halt gegeben. Nun erwacht eine ganze Generation in einer Welt, die es nicht mehr gibt. Verantwortliche verschwinden, Fabriktore bleiben geschlossen. Hoffnung gibt es so wenig wie Geld.
„Pferdeposter, mit denen Mädchen im Westen ganz selbstverständlich ihre Zimmerwände dekorierten, gab es bei uns kaum“, erinnert sie sich. "So malte ich von den wenigen Pferdebildern ab, die ich finden konnte – einfach, um sie mir zu bewahren." Begegnungen mit echten Pferden bleiben selten – die Sehnsucht wird um so grösser.

Mit den Teenagerjahren kommt die Eigenständigkeit – und die Möglichkeit, ihren Liebslingstieren erstmals nahe zu kommen. In den Ställen der Umgebung fegt Kateryna die Stallgassen, füttert, mistet und hilft, wo sie gebraucht wird. Und sie reitet. Doch es sind nicht Schleifen oder Siegerehrungen, die sie antreiben. „Ich liebte es viel mehr, einfach mit Pferden zusammenzusein, sie zu beobachten und ihr Verhalten zu studieren," erklärt sie. Was als Faszination beginnt, wird zum Lebensweg. Kateryna studiert Tierwissenschaften, widmet ihre Bachelor- und Masterarbeit der Zucht von Trakehnern. Schliesslich erhält sie eine Anstellung im Zoo von Mykolajiw. Anders als westliche Zoos beherbergt das Forschungs- und Erlebniszentrum neben exotischen auch heimische Wild- und Nutztiere. Kateryna wird leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin und trägt Verantwortung für die Pferde. Parallel führt sie ihr Studium auf Promotionsniveau fort. Und sie malt weiter.

Ihre wissenschaftlichen Kenntnisse der Anatomie schärfen den Blick für das Exterieur. Doch ihre Bilder sind mehr als korrekt. Sie erfassen die Wachsamkeit im Blick, die Würde und Präsenz. Rhythmus, Textur und Licht bestimmen ihre Arbeiten. Acryl, Öl, Gouache, Tinte – das Medium folgt dem Ausdruck des Pferdes. „Ich möchte die körperliche Integrität jedes Pferdes genauso zeigen wie seine Persönlichkeit und innere Präsenz“, sagt sie. Als Autodidaktin macht sie sich einen Namen. Reiter und Züchter in der Ukraine möchten ihre Pferde von ihr malen lassen, später auch Gestüte in Europa und den USA. Ihre Bilder hängen dort in privaten Sammlungen – weit entfernt von der zweiten Erschütterung, die Katerynas Welt in Trümmer legen wird.
Malen unter Beschuss
Am 24. Februar 2022 überfällt Russland die Ukraine. Mykolajiw, am Schwarzen Meer gelegen, ist strategisch wichtig und wird ständig angegriffen – vom Land, vom Meer und aus der Luft. Viele Menschen fliehen, andere erstarren vor Ungläubigkeit. Manche lassen ihre Tiere zurück, weil sie müssen – oder weil sie ihnen egal sind. Auch Pferde werden evakuiert – Fluchttiere im Bombenhagel, jeder Meter eine Nervenprobe.
Kateryna verlässt die Stadt, in der sie ihr ganzes Leben aufgebaut hat. Eine befreundete Friesen-Züchterin in den Deutschland bietet ihr Zuflucht an. Doch sie lehnt ab. Eine verwundete Heimat ist immer noch eine Heimat. Sie flieht nach Drogobytsch in der Westukraine. Fast tausend Kilometer bringt sie zwischen sich und die Front. Russische Mittelstreckenraketen erreichen die Stadt in weniger als zehn Minuten, treffen Wohngebiete und Infrastruktur. Kateryna malt weiter, manchmal ohne Wärme, ohne Elektrizität.
“Ich begonnen, mehr Helligkeit in meine Farbpalette zu bringen.”
Die Malerei bleibt eine Konstante und ein Mittel gegen die Selbstaufgabe. “Der Krieg hat mich zu Veränderungen gezwungen”, sagt sie. “Ich habe begonnen, neue Medien zu erkunden, insbesondere die Aquarellmalerei, um mehr Helligkeit in meine Farbpalette zu bringen. Meine Kunst sucht nun Heilung, und Menschlichkeit und ist zugleich Ausdruck von Widerstand.” Die Equis Art Gallery in Red Hook, New York, erinnert in einem Post an Kateryna und andere ihrer Pferdemaler, die jetzt unter Lebensgefahr arbeiten.

Das Gefühl, nicht von der Welt vergessen worden zu sein, hilft ihr mental – und befähigt sie, anderen beim Überleben zu helfen. Einen Teil der Erlöse aus ihren Kunstverkäufen spendet Kateryna an vom Krieg betroffene Tiere. Sie hilft verletzten Soldaten mit Reittherapien zurück ins Leben und hofft, eines Tages wieder in ihre Heimatstadt zurückkehren zu können. Es wäre ein weiterer Neuanfang in einer Welt, die ihr einmal vertraut war.





















